Was ist echter BDSM?

Eine der goldenen Regeln bei der Nutzung des Internets ist es, niemals zu versuchen eine echte Diskussion zu führen oder gar die Fehleinschätzungen von Nutzern sozialer Netzwerke zu korrigieren. Es ist vergebene Lebens- und Liebesmühe, viele Karikaturen zeugen davon, am bekanntesten ist sicherlich die des Mannes, der von seiner Frau zu Bett gerufen wird und die Aussicht auf ehelichen Beischlaf mit der Begründung ablehnt, jemand sei „wrong on the Internet“.

Ich weiß nicht genau, wann es mir zum ersten mal auffiel, aber spätestens nach dem Aufkommen von 50 Shades of Grey ist in einschlägigen Internetforen, Communities und auch Facebook-Gruppen ein Trend zu beobachten, dass vermeintlich „echte“ BDSMler (oder SMer oder SMler) den Drang verspüren sich gegen all diejenigen abzugrenzen, die Zitat: „keinen echten SM betreiben, sondern nur mal ausprobieren wollen“.

Das Szenario einer solchen Diskussion ist eigentlich immer gleich oder jedenfalls relativ ähnlich. In der Regel wird von einer offensichtlich relativ unerfahrenen Person, die sich selbst meist in die devote Rolle einsortiert, eine Situation geschildert, in der ihr ein Aspekt an den Forderungen ihres dominanten Spiel- oder Lebenspartners missfällt. Neben einigen guten Ratschlägen wird es in aller Regel weniger als 5 Kommentare benötigen, bis sich der oder die Hilfesuchende dem Vorwurf ausgesetzt sehen wird, er oder sie (im Folgenden nehmen wir an, es handele sich um eine 19jährige, zierliche, bildhübsche Studentin im ersten Semester – ist ja mein Blog, ich darf den Text daher frei gestalten) sei erstens kein richtiger SMler und trage zweitens überhaupt keine ECHTE! Neigung in sich. Umrahmt wird diese Einschätzung meist von dem Rat oder der Aufforderung, lieber Blümchensex zu haben und auf jeden Fall das Forum, die Community oder die Facebookgruppe zu verlassen.

Soweit so gut und vor allem, und da bin ich jetzt mal etwas undifferenziert: Was für ein Schwachsinn!

Aber beginnen wir das Thema mal sauber aufzuarbeiten.

1. Der Aspekt des sich Abschottens.

Es scheint ein Bedürfnis sogenannter oder auch selbsternannter „echter SMler“ zu sein, sich gegenüber „unechten SMlern“ abzugrenzen und vor allem immer da, wo sie einen solchen vermuten, das in aller Öffentlichkeit geradezu anzuprangern. Auf mich persönlich wirkt es allerdings eher so, als habe dieser Personenkreis nichts anderes, womit er sich von der Masse abheben kann. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber mich beschleicht immer mehr der Verdacht, dass diese Menschen sich über BDSM definieren müssen, weil es eben im Berufs- oder Privatleben für nichts anderes gereicht hat. Ich habe übrigens in meinem Leben noch niemanden getroffen, der für sich in Anspruch genommen hätte, „echten SM“ zu betreiben, vielleicht liegt es daran, dass die Frauen, mit denen ich mich bisher ausgelebt habe, alle sehr fest mit beiden Beinen im Leben standen und mehr als selbstbewusst auftraten. Vielleicht gibt es „echte SMler“ aber auch nur im Internet. Das Verhalten eben jener führt jedenfalls dazu, dass wenn nun unser 19-jähriges Schnuckelchen und durch Shades of Grey motiviert vielleicht noch weitere in BDSM-Communities nach Informationen suchen oder Fragen haben, diese geradezu unhöflich weggebissen werden.
Abgesehen davon, dass ich das für unhöflich und intolerant halte (eigentlich ja gerade bei SMlern eine oft hervorgehobene Tugend), ist es auch schlicht überheblich und anmaßend.

2. Die vielzitierte „echte Neigung“.

„Du trägst es in Dir.“, ist eine oft bemühte Floskel, wenn es darum geht, wie „echte SMler“ ihre Neigung umschreiben, insbesondere wenn diese Selbstbeschreibung von „echten devoten Frauen“ kommt. Dominante Herren werden sich in der Regel seltener über ihr eigenes Inneres auslassen, sondern eher ihre Erwartungshaltung an eine „echte Sklavin“ formulieren. Diese sind vor allem davon geprägt, dass die Untergebene relativ umfassend den Wünschen ihres „Herren“ zu Willen zu sein hat, sei es nun im Alltag, am Arbeitsplatz (Smartphones sind ein Segen für echte SMler, ich weiß gar nicht was echte SMler in den 50er Jahren gemacht haben, als man noch keine privaten Telefonate am Arbeitsplatz führen durfte…) und natürlich im Schlafzimmer. Über Selbstverständlichkeiten wie die vielzitierte Dreilochbegehbarkeit 24 Stunden an 364 Tagen im Jahr (Weihnachten und Silvester gibt es einen halben Tag frei) möchte ich an dieser Stelle nicht zu viele Worte verschwenden, sonst wird der Artikel zu lang.

3. SM ist „in Mode“.

Ein weiterer Vorwurf, der oft im Rahmen einer solchen Diskussion zu lesen ist, ist der, BDSM sei „in Mode“ und darum müssten jetzt Lischen Müller und jeder Hans und Franz alles ausprobieren. Der Tenor, in dem dieser Aspekt vorgetragen wird, lässt fast den Schluss zu, dass „echte SMler“ die Handlungen von „Mode-Smlern“ geradezu als Frevel an ihrem heißgeliebten Lifestyle sehen. Auch hier drängt sich erneut die Frage auf, warum eigentlich? Übrigens ist mir aufgefallen, dass je weiter die Plattform von SM weg ist, desto mehr „echte SMler“ sind auf ihr zu finden. In der Sklavenzentrale oder gar bei FetLife scheint es viel weniger „echte SMler“ zu geben, als beispielsweise auf Facebook. Nicht, dass etwas dagegen spricht, sich auf Facebook über SM auszutauschen, ich bin schon aus Neugier ebenfalls Mitglied in einschlägigen Gruppen (Stand 09/2017, ohne Gewähr), aber auffällig ist es schon, dass gerade hier der echte BDSM so gehäuft zu Tage tritt.

Das SM in Mode ist, mag für die Medienlandschaft gelten, aber das ist für einen echten SMler doch eher ein Grund zur Freude, immerhin fördert es die Toleranz und das Verständnis für eine sexuelle Neigung, wenn Journalisten neutral über ein Thema berichten. Es sei denn, man möchte auf jeden Fall den Nimbus des Exklusiven, Verruchten konservieren, der dadurch natürlich ein wenig in Gefahr gerät.

4. Was ist echter BDSM?

Ich muss mich entschuldigen, ich habe die Frage nach echtem BDSM noch gar nicht beantwortet, obwohl ich dies schon in der Überschrift in Aussicht gestellt habe.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in internationale Communities, über den Tellerrand oder auch über den großen Teich. Ließt man in Englisch-Sprachigen Foren über das Thema so ist der Aspekt des „Playing“ deutlich positiver besetzt als in Deutschland. Ich will natürlich meinen Landsleuten nicht absprechen, dass am deutschen SM-Wesen die Welt genesen soll, aber bevor wir unsere 19-jährige Studentin völlig verschrecken, hier zunächst der provisorische Hinweis: Es geht auch anders.

Darüber schreibe ich in einem zweiten Teil!

Geschrieben von hamburgdecadence

Leben. Literatur. Genuss.

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