Nachdem ich mich hier ein wenig darüber ausgelassen habe, was ich von sogenanntem „Echtem BDSM“ halte und mich dabei vor allem negativen Aspekten gewidmet habe, fehlt natürlich noch meine eigene Sicht der Dinge.

Für mich besteht die große Kunst vor allem darin, den Menschen zu finden, mit dem sich im zwischenmenschlichen Austausch eine Spannung, ein Kribbeln oder eine frivole Harmonie einstellt. Sexuelle Präferenzen sind kein Sport, sondern dienen zu allererst der Triebbefriedigung und dem Genuss. Es geht also nicht darum, irgendwelche Regeln zu befolgen oder einen Katalog an Übungen abzuarbeiten, den man sich zuvor aus dem Internet gezogen hat, sondern es geht darum, dass man im Zusammenspiel mit dem anderen ein Gefühl der Zufriedenheit und sexuellen Erfüllung erlangt.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die diese Erfüllung nur dann erfahren, wenn sie – ob aus naturgegebener Neigung heraus oder warum auch immer – BDSM nicht als Spiel betrachten, sondern zu einer Lebenseinstellung machen. Jeder soll das tun, wonach ihm oder ihr ist, allerdings finde ich es schade, dass gerade aus dieser Gruppe heraus immer wieder propagiert wird, nur der eigene Weg sei der echte, einzig wahre Weg des BDSMlers.

Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Zahlreiche Menschen, die ich seit Anfang der 2000er Jahre getroffen habe, hatten Freude am boshaften Spiel aus Macht und Ohnmacht, Lust und Schmerz. Es waren ganz normale Menschen, zunächst Studentinnen, später Damen in gut bezahlten Jobs. Anwältinnen, Ärztinnen, Managerinnen. Und ab und zu auch mal wieder eine Studentin, wobei das inzwischen, mit Mitte 30, doch stark nachgelassen hat. Irgendwann ist der Altersunterschied einfach zu groß und die Harmonie lässt sich nicht mehr herstellen. Allen gemeinsam war allerdings, dass ausnahmslos alle BDSM als Spiel betrachtet haben. Nicht als Modeerscheinung, nicht als Laune. Aber auch nicht als Lebensinhalt. Sie hatten Freude daran sich fallen zu lassen, oder platter: Es hat sie einfach aufgegeilt, sich einem Mann hinzugeben.

Das frivole Spiel zwischen zwei Menschen ist für mich persönlich genau das. Ein frivoles Spiel. Unterhaltsam, anregend, erregend. Mit einer sexuellen Komponente. Es mag Spiele geben, die sich in den Alltag einfügen. Der Tutor, der seiner an Prokrastination leidenden Studentin ein wenig auf die Sprünge hilft, meinetwegen. Aber es bleibt ein Spiel. Eine Abwechslung vom Alltag, etwas, das die Sinne berührt und einem die Möglichkeit gibt, sich auszuleben und Neues zu erfahren. Ein Verhältnis kann lose sein, oder sehr innig, keine Frage. Doch die boshafte Komponente geht für mich nie über den Punkt hinaus, an dem er für meine Spielpartnerin die Selbstaufgabe bedeuten würde.

Der wichtigste Garant für positive Erfahrungen ist jedoch die Wahl des richtigen Gegenübers. Wer sich bis zur Selbstaufgabe versklaven will (aus welchen Gründen auch immer), wird wenig Freude an jemandem wie mir haben, für den boshafte Machtspiele einfach das Salz in der Suppe, aber nicht der komplette Ernährungsplan ist. Und die neugierige Anfängerin sollte sich hüten, sich auf jemanden einzulassen, der „naturdominant“ daher kommt und ohne Empathie seinen Stiefel durchzieht.

BDSM ist ein dermaßen großer Sammelbegriff für alle möglichen Spielarten, dass es ohnehin schwer fallen dürfte, Standards zu definieren. Abgesehen davon, wer möchte schon gerne sein Liebesleben nach Vorgaben Dritter führen? Für mich persönlich können Erfahrungen und Vorstellungen von Dritten allenfalls eine Inspiration darstellen, die Entscheidung was mir gefällt und was nicht, treffe ich immer noch selbst bzw. zusammen mit der Person, mit der ich mich ausleben möchte.

Genau das rate ich auch jedem Anfänger bzw. jeder Anfängerin. Treffen Eure eigenen Entscheidungen, wie ihr Euer Liebesleben gestaltet. Es gibt keine verbindlichen Regeln. Es ist eher wie mit einem hausgemachten Curry. Jeder entscheidet selbst, welche Gewürze er beimischt und wie scharf es sein darf. Der eine mag es eher elegant, der andere will ein Brennen auf der Zunge spüren.

Man sollte also genau hinschauen, mit wem man die Reise antritt.

In dem Moment wo Spannung und Neugier in Zweifel, Besorgnis oder gar Angst umschlagen, sollte man immer auf seinen Bauch hören und Abschied nehmen. Nicht von seiner Neugier für frivole Boshaftigkeiten oder gar sadomasochistische Praktiken, sondern von Menschen, die einem nicht guttun.

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Geschrieben von hamburgdecadence

Leben. Literatur. Genuss.

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