Zur Vorgeschichte geht es hier (Teil 1) oder hier (Teil 2).

Der schwarze Seidenschal, der ihre Augen verband, schmiegte sich sanft über ihre Stirn, ihre Nase, entlang an ihren Ohren bis zu ihrem Hinterkopf, wo ein fester Knoten ihn an seinem Platz hielt. Er hatte ihr nicht erlaubt, etwas anderes anzuziehen, so dass sie nackt vor ihm stand.
Sie spürte, wie er ihre Hand nahm, und sie durch den Raum führte. Ihre nackten Füße berührten das glatte, von unten beheizte Parkett.
„Streck deine Hände nach vorne.“, hörte sie seine Stimme sagen. Sie tat, was er verlangte und konnte das kalte, glatte Glas der Panoramascheiben auf ihren Handflächen fühlen.
„Ich möchte, dass du mit deiner Nasenspitze das Glas berührst.“
Sie tat, was seine Stimme ihr befahl und streckte vorsichtig ihren Kopf nach vorne, bis ihre Nase die Fensterscheibe erreichte.
„Stell deine Beine ein wenig weiter zurück, ein wenig gespreizt. Und drück deine Knie durch.“, hörte sie ihn sagen. Eine Gänsehaut machte sich auf ihrem Körper breit. Sie fühlte sich ausgeliefert. Auch wenn ihre Hände nicht gefesselt waren, so konnte sie seine Augen auf ihrem Körper spüren. So wie sie dort stand, würde ihm vermutlich nichts verborgen bleiben. Sie hörte seine Schritte, während er in der Suite umherzugehen schien.
Zog er eine Schublade auf? Sie war sich sicher, wie sie hören konnte, dass er etwas heraus nahm, bevor er sich ihr wieder näherte.
„Weißt du, was ich hier habe?“, wollte er wissen.
„Nein.“, sagte sie leise, während seine Hand sanft über ihr offenes Haar und ihren Rücken strich.
„Es ist eine Sanduhr.“, ließ er sie wissen. „Ich möchte ein Spiel mit dir spielen.“
Sie schwieg und lauschte seiner Stimme.
„Die Sanduhr läuft innerhalb von zehn Minuten durch. Sie ist sehr präzise. Wenn du sehr still bist, kannst du den Sand rieseln hören.“
Sie begann schwerer zu atmen, während er den Glaskolben neben ihr Ohr zu halten schien.
„Hörst du, wie er rieselt?“
„Ja, aber es ist sehr leise.“
Er lachte. „Ja, das ist es wohl.“. Sie konnte hören, wie er die Sanduhr ein oder zwei Meter von ihr entfernt auf den Boden stellte und sich dann langsam wieder entfernte.
„Das Spiel ist sehr einfach.“, erklärte er. „Ich möchte, dass du so bleibst, exakt so lange, bis die Sanduhr abgelaufen ist. Dann darfst du die Augenbinde abnehmen.“ Er machte eine Pause und schien erneut etwas aus einer Schublade zu nehmen und sich ihr dann wieder zu nähern. „Ich möchte dir so lange zusehen und mich an deinem Anblick erfreuen.“
„Ist das alles?“, fragte sie zaghaft.
„Nun, wenn der Sand durchgelaufen ist, werde ich auf die Uhr sehen. Du hast dann eine halbe Minute Zeit zu mir zu kommen und dich vor mich zu knien. Solltest du den Zeitpunkt verpassen….“, er machte eine kurze Pause und strich ihr vorsichtig mit seinem Handrücken über die Wange. „…dann werde ich die Sanduhr umdrehen und wir fangen erneut an.“
„Und wenn ich mich zu früh….“, begann sie, doch ein lauter Knall und ein beißender Schmerz auf ihrer rechten Hinterbacke unterbrach sie, noch bevor sie ihre Frage vollenden konnte.
„Aua….“, entfuhr es ihr, was er mit einem zweiten Hieb auf die andere Backe quittierte.
„Bewegst du dich zu früh, weise ich dich mit der Reitpeitsche darauf hin. Auch in dem Fall drehe ich die Sanduhr genau an der Stelle um, an der sie gerade steht. Einverstanden?“
„Das klingt nicht sehr fair.“, protestierte sie.
„Fairness ist nicht das Ziel dieser Übung. Wir wollen doch etwas gegen deine Ungeduld tun, oder etwa nicht?“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, entfernte er sich einige Schritte und schien in einem der bequemen Sessel hinter ihrem Rücken Platz zu nehmen. Jetzt war sie sich sicher, dass seinem Blick nichts mehr verborgen war, doch das war ihr geringstes Problem. Angestrengt versuchte sie, im Geiste die Sekunden zu zählen.

 

Das Rieseln des Sandes hingegen konnte sie nicht hören, ihr Atem und das Klopfen ihres Herzens übertönten jedes andere Geräusch in ihrem Kopf.

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Geschrieben von hamburgdecadence

Leben. Literatur. Genuss.

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